Perimenopause: „Ich möchte nicht bemitleidet werden. Ich brauche einfach meine Ruhe.“
Jenny Sever ist 52 und mitten in der Perimenopause. Hier erzählt sie, wie ihr Körper ihr einen lang ersehnten Tag verschlechtert hat. Dabei ging es nicht um Hitzewallungen, sondern um etwas, worüber kaum jemand spricht.
Ich bin 52 und habe immer noch meine Regel
Ich bin 52 Jahre alt, mitten in der Perimenopause, und ich habe immer noch meine Regelblutung. Viele überrascht das. Sehr viele Frauen glauben, Perimenopause bedeute, dass die Periode längst ausgeblieben ist. Bei mir ist das Gegenteil der Fall: Sie ist noch da, nur eben nicht mehr verlässlich.
Und manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Körper ausgerechnet dann nicht mitspielen möchte, wenn ich mich auf etwas ganz besonders freue.
Ein Tag, auf den ich mich wochenlang gefreut hatte
Es ging um einen großen Frauengesundheitstag. Ein Tag, auf den ich mich wochenlang gefreut hatte. Eine kleine Auszeit, neue Eindrücke, interessante Menschen. Aber schon in den Tagen davor merkte ich, dass mein Körper wieder einmal sein eigenes Programm fährt. PMS, ein aufgeblähter Bauch, Wassereinlagerungen, innere Unruhe. Und dieses unangenehme Gefühl, sich in der eigenen Haut überhaupt nicht wohlzufühlen. Ich habe meine Pläne deshalb schon vorher zusammengestrichen und bin erst am Veranstaltungstag selbst angereist.
Morgens ging es mir noch einigermaßen gut. Ich war neugierig, hatte mich schön angezogen und wollte diesen Tag genießen.
Je länger der Tag dauerte, desto unwohler wurde mir
Doch je länger die Veranstaltung dauerte, desto unwohler fühlte ich mich.
Mein Bauch wurde immer aufgeblähter. Mein Gesicht fühlte sich aufgeschwemmt an. Ich saß in meinem Blazer und war irgendwann nur noch damit beschäftigt, ihn zurechtzuziehen.
Und dann kam das, worüber meiner Meinung nach viel zu wenig gesprochen wird: Irgendwann waren mir die vielen Menschen zu viel. Die Geräusche. Die Gerüche. Die ganze Atmosphäre.
Es war nichts an diesem Tag falsch. Er war nur plötzlich zu laut, zu eng und zu viel für den Körper, in dem ich an diesem Morgen aufgewacht war.
Ich möchte nicht bemitleidet werden
Ich bin in solchen Momenten nicht unbedingt traurig. Ich möchte auch nicht bemitleidet werden.
Ich brauche einfach meine Ruhe.
Ich weiß selbst, dass ich dann gereizt sein kann. Deshalb ziehe ich mich lieber zurück, bevor ich meine schlechte Stimmung an anderen auslasse. Das ist keine Flucht, das ist Rücksicht – vor allem gegenüber den Menschen um mich herum.
Manchmal reichen mir dreißig Minuten oder eine Stunde, um wieder bei mir anzukommen. Mehr braucht es gar nicht.
Warum ich nach Hause gefahren bin
Aber bei einer Veranstaltung mit Hunderten von Menschen ist so ein Rückzugsort nicht unbedingt vorhanden. Es gibt keine Ecke, in die man sich kurz setzen kann. Keine Tür, die man hinter sich zumacht, also habe ich irgendwann entschieden, nach Hause zu fahren. Nicht, weil mir die Veranstaltung nicht gefallen hat. Sondern weil ich mich selbst in diesem Moment einfach nicht mehr wohlgefühlt habe.
Und das Traurige daran?
Zwei Tage später bekam ich meine Regelblutung und fühlte mich wieder deutlich besser.
Zwei Tage. So knapp war das.
Ich hätte diesen Tag so gerne vollständig erlebt. Nicht, weil ich musste. Sondern weil ich mich darauf gefreut hatte.
Natürlich ist deshalb für mich nicht die Welt zusammengebrochen. Trotzdem finde ich es schade. Ich hätte diesen Tag gerne anders erlebt – mit mehr Energie und vor allem mit dem Gefühl, mich in meinem Körper wohlzufühlen.
Was ich beim nächsten Mal anders mache
Inzwischen habe ich für mich ein paar Dinge daraus mitgenommen:
Ich nehme ein zweites Outfit mit. Etwas Bequemes. An diesem Tag blähte sich mein Bauch immer weiter auf, und ich fühlte mich in meinem Blazer überhaupt nicht mehr wohl. Eine weite Bluse wäre deutlich angenehmer gewesen. Das klingt banal, aber es entscheidet darüber, ob ich einen halben Tag damit verbringe, an meiner Kleidung zu zupfen.
Ich nehme vorsorglich eine Schmerztablette. Manchmal hilft selbst die nicht. Dann brauche ich eben Abstand, Ruhe oder die Möglichkeit, mich kurz ins Auto zu setzen. Und notfalls nach Hause zu fahren.
Und dafür möchte ich mich weder rechtfertigen noch entschuldigen müssen. Es ist dann eben so, wie es ist.
Ich finde, jede Frau sollte sich diese Freiheit nehmen dürfen. Und ich wünsche mir, dass es gerade bei Veranstaltungen rund um Frauengesundheit einen ruhigen Rückzugsort gibt. Einen Raum, in den man sich für dreißig Minuten setzen kann, ohne sich erklären zu müssen. Das wäre für viele von uns der Unterschied zwischen Bleiben und Gehen.
Ich habe es bei diesem Wunsch nicht belassen. Nach der Veranstaltung habe ich den Verantwortlichen geschrieben und vorgeschlagen, künftig einen solchen Rückzugsort anzubieten. Ich habe ihnen geschildert, dass ich den Tag mittags verlassen musste, weil es mir körperlich nicht gut ging.
Mein Gedanke dahinter ist einfach: ein Raum, in dem Frauen nicht funktionieren müssen. Ein Ort zum Zurückziehen, zum Zurruhekommen oder einfach, um mit jemandem zu sprechen.
Hätte ich es kommen sehen können?
Ehrlich gesagt: ja. Schon Wochen vorher hatte ich ungefähr ausgerechnet, wann meine nächste Periode einsetzen könnte.
Allerdings ist mein Zyklus inzwischen ziemlich unberechenbar. Manchmal beginnen die Beschwerden schon Tage vorher. Manchmal verschiebt sich alles nach hinten. Und manchmal merke ich überhaupt nichts und plötzlich ist meine Periode da.
Ich wusste also, dass der Termin ungefähr in diesen Zeitraum fallen könnte, und habe mich trotzdem darauf eingelassen.
Was soll man auch machen? Man kann sein Leben schließlich nicht ständig danach ausrichten, wann der eigene Körper vielleicht nicht mitspielt.
Die Perimenopause besteht nicht nur aus Hitzewallungen
Ich bin sonst oft die, die anderen Frauen in dieser Phase Mut macht. Die sagt: Du darfst dir eine Auszeit nehmen. Du musst dich in deinem Körper nicht schlecht fühlen.
Aber an diesem Tag war ich nicht die Frau, die andere unterstützen möchte.
An diesem Tag war ich einfach selbst eine Frau, die mit ihrem Körper zu kämpfen hatte.
Und vielleicht ist genau das meine Geschichte. Dass wir nicht immer funktionieren müssen. Dass wir uns auf etwas freuen dürfen und trotzdem manchmal nicht die Kraft haben, es zu genießen.
Und dass die Perimenopause eben nicht nur aus Hitzewallungen besteht. Manchmal nimmt sie uns auch Momente, auf die wir uns wochenlang gefreut haben.
Einordnung der Redaktion:
“Jenny beschreibt etwas, das viele Frauen kennen und kaum jemand benennt. Fachleute führen diese Beschwerden nicht auf einen Östrogenmangel zurück, sondern auf die extremen Schwankungen des Östrogenspiegels in der Perimenopause – auf Ausschläge, auf die Gehirn und Nervensystem schlicht nicht ausgelegt sind. Zunehmende Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen gehören deshalb oft zu den ersten Anzeichen, lange bevor die erste Hitzewallung kommt (Pharmazeutische Zeitung).
Dass es dabei um Reizverarbeitung geht, zeigt sich auch an anderer Stelle: Bei etwa der Hälfte der Migränepatientinnen nehmen die Attacken in dieser Phase zu, viele Frauen berichten von erstmaligem oder verstärktem Tinnitus, und Frauen mit ADHS erleben häufig eine Verschlechterung ihrer Symptome. Der Körper filtert in dieser Zeit weniger gut heraus, was um ihn herum passiert.
Dazu kommt, dass der Zusammenhang selten erkannt wird. In einer britischen Untersuchung berichteten 80 bis 85 Prozent der Frauen von Beschwerden, aber nur etwa zehn Prozent suchten deswegen ärztliche Hilfe (Perimenopausal women's voices). Viele ordnen ihre Symptome dem Alter oder dem Stress zu, nicht den Hormonen. Dabei fällt die Perimenopause genau in die Jahre, in denen Frauen beruflich am meisten leisten, und wie stark die Beschwerden den Arbeitsalltag beeinträchtigen, ist bis heute kaum untersucht (medRxiv 2026).
Ein Hinweis in eigener Sache: Das ersetzt kein Gespräch mit deiner Ärztin. Wenn Reizbarkeit, Erschöpfung oder gedrückte Stimmung über Wochen anhalten und dein Leben bestimmen, lass das bitte abklären. In dieser Phase steigt auch das Risiko für depressive Episoden deutlich – das ist kein Charakterfehler und nichts, was man allein aussitzen muss.”
Was sich bei Veranstaltungen ändern müsste
Jennys wichtigster Wunsch ist eigentlich eine Kleinigkeit: ein ruhiger Raum. Keine Wellness-Lounge, kein Programmpunkt. Ein Zimmer mit wenig Licht, wenig Geräusch und ein paar Stühlen, in das man sich für eine halbe Stunde setzen kann, ohne sich dafür erklären zu müssen.
Für Veranstalterinnen heißt das konkret:
einen Rückzugsraum ausweisen und ihn im Programm sichtbar machen
längere Pausen zwischen den Programmpunkten einplanen
Sitzplätze am Rand und in Türnähe freihalten
deutlich machen, dass ein früheres Gehen in Ordnung ist
Gerade bei Veranstaltungen zum Thema Frauengesundheit sollte das selbstverständlich sein. Denn ein Teil der Frauen im Publikum ist genau aus dem Grund dort, aus dem sie den Raum zwischendurch verlassen muss.